World Council of Churches

Dr. Götz Schindler berichtet aus Palästina

 

13. April 2009

Zehnter Bericht aus Jayyous

Das Team, das nach uns in Jayyous tätig sein wird, ist hier eingetroffen. Es wird von uns in den nächsten Tagen eingewiesen. Am 15. April werden wir Jayyous verlassen. Mein Aufenthalt geht also zu Ende.

Ich danke euch für euer Interesse an meiner Tätigkeit im Team 30 von EAPPI in Jayyous. Ich danke euch auch für eure Geduld. Manches in meinen Berichten entsprang meiner Betroffenheit über die Lebensverhältnisse der Menschen, das Verhalten israelischer Soldaten und die Strategie der Militärverwaltung (soweit sie zu erkennen war), und es war sicher auch für euch nicht immer einfach, es "wegzustecken". Deshalb bin ich für euer Interesse besonders dankbar.

EAPPI hat nicht das Ziel, den Menschen durch politische Maßnahmen zu helfen. EAPPI ist aber insofern "politisch", als die Ehrenamtlichen vor Ort auch die Aufgabe haben, die Menschen außerhalb dieser Region über das, was in den besetzten Gebieten passiert, zu informieren: Information als Voraussetzung für politisches Interesse und Engagement. Aus diesem Grund war es für mich wichtig, über den Zustand der persönlichen Betroffenheit hinauszukommen. Deshalb habe ich in meinen Berichten auch über das informiert, was außerhalb von Jayyous vor sich geht. Dabei ist mir sehr schnell klar geworden: Jayyous ist kein "Exot", die Situation hier ist exemplarisch für die Lebensverhältnisse in den von Israel besetzten Gebieten in der Westbank. Ich habe in meinen Berichten Wert darauf gelegt, dies zu belegen, wann immer mir das möglich war. Deshalb die Verweise auf Daten, Untersuchungen, Meldungen etc. über andere Teile der besetzten Gebiete bzw. die besetzten Gebiete insgesamt. Zweitens habe ich versucht, Zusammenhänge aufzuzeigen, um - wiederum wenigstens ansatzweise - das System der Besetzung und ihre Ziele zu verdeutlichen. Dies mag untypisch für "Erfahrungsberichte" sein. Ich halte dieses Vorgehen aber für notwendig. Man kann die Hintergründe der Lebensverhältnisse und die Situation der Menschen nur dann deutlich machen, wenn man sich nicht darauf beschränkt, die persönliche Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen.

Ich möchte auf zwei Fragen eingehen, die uns Ehrenamtlichen im EAPPI am häufigsten gestellt werden: Was könnt ihr erreichen? Seid ihr nicht einseitig?

Nur in wenigen Fällen können wir unmittelbar feststellen, ob wir etwas erreichen. Es gab an den "gates" Situationen, in denen wir erreicht haben, dass überhaupt geöffnet und dass nicht zu früh geschlossen wurde. In unseren Berichten über das "North Terminal" in Qalqiliya haben wir immer wieder auf die verspätete öffnung, den zu engen Zugang und die schleppende Abfertigung hingewiesen - bisher ohne Erfolg. Nach Hausdurchsuchungen und Verhaftungen wurden ebenfalls Berichte an das Internat. Rote Kreuz und Menschenrechtsorganisationen geschrieben. Insgesamt haben wir den Eindruck, dass wir mit unserer Tätigkeit dazu beitragen, das Leben der Palästinenser in Jayyous ein wenig zu erleichtern. Schon unsere Anwesenheit und unsere Berichte "nach draußen" sind für die palästinensische Bevölkerung eine Unterstützung, vor allem, wenn wir in unseren Heimatländern auch weiterhin über ihre Situation informieren und aufklären. M.a.W.: Auch wenn in konkreten Situationen wenig zu erreichen ist hilft den Menschen unsere Solidarität und das Wissen, dass sich jemand um sie kümmert.

Wir werden immer wieder gefragt, wie es denn mit unserer Unparteilichkeit bestellt sei. Es sind nicht die besonderen Vorkommnisse wie vor kurzem die Verhaftung eines jungen Mannes durch israelischen Soldaten, ohne dass ein Grund dafür vorlag (offensichtlich ging es darum, die Bevölkerung, insbesondere die Jugendlichen, einzuschüchtern). Es ist die gesamte Lebenssituation der palästinensischen Bevölkerung, die wir täglich erleben und die uns immer wieder deutlich macht, wie schwierig das Leben der Menschen hier ist. Darüber habe ich ja mehrfach berichtet. Auf was es mir hier ankommt: Die Lebensverhältnisse in der von Israel besetzten Westbank sind mit dem Sicherheitsbedürfnis der israelischen Bevölkerung nicht zu rechtfertigen - bereits der Verlauf der Sperranlage östlich der "green line" spricht dagegen. Schon gar nicht sind die Menschenrechtsverletzungen und die Missachtung internationalen Rechts in den besetzten Gebieten mit dem Sicherheitsbedürfnis zu rechtfertigen. Nur wenn man sich das klar macht, kann man sinnvoll über Perspektiven reden. Es geht nämlich nicht einfach um "Frieden", sondern darum, dafür erst einmal die Voraussetzungen zu schaffen, d.h. Verhältnisse zu schaffen, unter denen Israelis und Palästinenser in Frieden zusammenleben können. Dass dies bis jetzt nicht möglich war, liegt nicht daran, dass - wie manche meinen - die israelische Regierung bereit sein muss, den Palästinensern "entgegenzukommen". Nein, hier geht es nicht um ein Entgegenkommen. Die israelische Regierung muss die Voraussetzungen für den Frieden schaffen. Menschenrechtsverletzungen und Missachtung des Spruchs des Internationalen Gerichtshofes (Bau der Sperranlage ist Verletzung des Völkerrechts) und Missachtung von UN-Resolutionen (z.B. Aufforderung, sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen) - s. den Bericht des Sonderberichterstatters John Dugard an die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen vom 21.1.2008, auf den ich mehrfach hingewiesen habe - sind kein Verhandlungsgegenstand, da ist kein "Entgegenkommen" gefragt. Die israelische Regierung muss ganz einfach das Völkerrecht achten, die UN-Resolutionen umsetzen und die besetzten Gebiete verlassen. Das sind die Voraussetzungen für einen Frieden. Nur dann sind israelische Regierung und Palästinensische Autonomiebehörde wirklich Verhandlungs-Partner. Da die israelischen Regierungen bisher dazu nicht bereit waren, muss man "einseitig" sein. Ja, ich bin es, und zwar vor allem deshalb, weil die "Einseitigkeit" der israelischen Regierungen im Hinblick auf die Menschenrechte für die palästinensischen Menschen zu untragbaren und für unser Rechtsstaatsverständnis nicht akzeptablen Verhältnissen geführt hat.

Nun ist der "Abschiedsbericht" doch länger geworden als geplant. - was den Vorteil hat, dass er sicherlich genügend Zündstoff für spätere Diskussionen enthält.

 

 

6. April 2009

Neunter Bericht aus Jayyous

Kinder in den von Israel besetzten Gebieten in der Westbank

Der Jahresbericht 2007 der israelischen Menschenrechtsorganisation B`Tselem enthält einige Infor-mationen, die ein guter Ausgangpunkt für die Darstellung der Situation der Kinder (bis zu 18 Jahren) in den von Israel besetzten Gebieten in der Westbank sind.

Zum einen sind Kinder von "außergewöhnlichen" Vorkommnissen betroffen:

  • Wenn israelische Soldaten Verhaftungen in einem Haus vornehmen, dürfen sie auf den Verdächtigen ohne Warnung und ohne überprüfung der Identität mit scharfer Munition schießen, wenn er zu fliehen versucht, und zwar auch dann, wenn bekannt ist, dass sich Kinder und andere Zivilpersonen im Haus befinden.

  • Im Jahr 2007 töteten israelische bewaffnete Einheiten in der Westbank und im Gaza-Streifen 379 Palästinenserinnen und Palästinenser, darunter 133 Zivilpersonen, von denen 54 Kinder waren.

  • Im Jahr 2007 wurden die Menschenrechte auch auf palästinensischer Seite verletzt: Bei politischen und militärischen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern wurden 346 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet, darunter 73 Zivilpersonen, von denen 23 Kinder waren.

  • B`Tselem berichtet, dass Kinder, die von israelischen Soldaten verhaftet wurden, während des Arrests geschlagen und gefoltert wurden.

Darüber hinaus sind Kinder von "alltäglichen" Vorkommnissen betroffen. Prügel und Demütigungen von Palästinensern durch israelische Soldaten kommen in vielen Situationen des täglichen Lebens vor: z.B. wenn die Einschränkung der Bewegungsfreiheit durchgesetzt werden soll (wird beispielsweise jemand ertappt, der einen "checkpoint" umgehen will, für den er keinen Passierschein hat); während Hausdurchsuchungen, insbesondere, wenn nach Waffen gesucht wird (in der Regel wird dabei die Wohnungseinrichtung erheblich beschädigt); im Zusammenhang mit Festnahmen von Personen und bei der Auflösung von Demonstrationen.

Die aufgeführten Vorkommnisse finden häufig in der Gegenwart von Kindern statt, oder die Kinder erfahren durch Eltern, Freunde und Bekannte davon. Dadurch diese Erlebnisse erfahren sie, dass ihr Leben von Unsicherheit, drohender Gewalt und Gewaltanwendung bestimmt ist. "Am Ende wird die Angst Teil unseres Lebens. Sie stiehlt unsere Freiheit und führt dazu, dass wir uns nicht mehr sicherfühlen, sie beraubt uns unserer Unschuld und Kindheit. Außerdem nimmt sie uns diejenigen, die uns nahestehen. Und so werden Traurigkeit und Einsamkeit in uns immer größer." (Mariam, 16 J., Our Voices, 2005, S. 15)

Außerdem, um nur noch auf einen weiteren Aspekt einzugehen, sind auch die Kinder durch die schlechte wirtschaftliche Lage in den besetzten Gebieten betroffen - zum einen durch die finanzielle Unsicherheit, in der Familie leben muss, zum anderen dadurch, dass sie darunter leiden, wenn ihr Vater arbeitslos wird oder seinen Arbeitsplatz nicht erreichen kann.

Das bedeutet, dass die Okkupation in der Westbank ein zentrales Merkmal im täglichen Leben nicht nur der Erwachsenen, sondern auch der Kinder ist. Um zu verdeutlichen, wie viele Menschen durch "außergewöhnliche" Ereignisse betroffen sind und was dies für die Kinder bedeutet: Von 1967 bis 2004 sind rund 600 000 Palästinenser von den israelischen Militärbehörden verhaftet worden und haben einige Zeit in israelischen Gefängnissen verbracht. In fast jeder palästinensischen Familie gibt es ein männliches Familienmitglied, das diese Erfahrung hinter sich hat. "Daher gehören Gefängniserfahrungen zum Grundbestand der Geschichte des Volkes." (Cook; Hanieh; Kay, S. 7) "Die andere sehr schmerzliche Erfahrung, bei der ich mich so hilflos wie noch nie gefühlt habe, war, als israelische Soldaten meinen Vater verhaftet haben. Es war das erste Mal, dass sie ihn verhaftet haben, und das hat dazu geführt, dass ich mich selber nicht mehr sicher fühle." (Noor, 15 J., Our Voices, S. 21)

Dass Kinder befürchten, verhaftet zu werden, ist nur zu verständlich, denn israelische Soldaten haben immer wieder Kinder verhaftet, zum Beispiel zwischen September 2000 und Juni 2003 mehr als 1 900. (Cook; Hanieh; Kay., S. 4) Im Jahr 2008 betrug die Zahl der Kinder in Militärgewahrsam monatlich zwischen 300 und 340, und im Februar 2009 waren es sogar 374. (www.btselem.org)

Auch um die berufliche Zukunft der Kinder in der Westbank und besonders in Jayyous ist es nicht gut bestellt. Es besteht für sie nur wenig Aussicht, später einen Passierschein zu bekommen, um das Land ihrer Familie hinter der Sperranlage zu bearbeiten, so dass für sie auch der Beruf des Landwirts kaum in Frage kommt. Die Aussichten in anderen Berufen sind in der Region sehr schlecht. Infolgedessen machen viele Kinder den Abschluss einer weiterführenden Schule (wenn sich die Eltern das finanziell leisten können), und danach studiert ein hoher Prozentanteil an einer Universität (meistens im Fernstudium) - aber nach dem Studienabschluss verlassen die meisten die Region. Sie sind "die Opfer der Strangulation durch Passierscheine, Einschüchterung und Isolation." (Dolphin, S. 101)

Was bedeutet das für die Kinder? Natürlich im Großen und Ganzen dasselbe wie für ihre Eltern: Erstens, dass das tägliche Leben unter absoluter und umfassender Kontrolle durch das Besatzungssystem steht; zweitens, dass die Kinder dem Besatzungssystem nicht weniger als ihre Eltern ausgeliefert sind; drittens, dass Hoffnung auf eine Veränderung ihrer Lage oder gar Widerstand illusorisch ist. Für die Kinder gibt es jedoch darüber hinaus besondere Einschränkungen. "Die Okkupation hat unsere Freiheit gestohlen: viele "checkpoints" und Barrieren, und oft haben wir lange Ausgangssperren. Dadurch fühlen wir uns, als würden wir in einem großen Gefängnis leben. Dadurch fühle ich mich unsicher und habe Angst, von zu Hause alleine wegzugehen." (Sanabel, 16 J., Our Voices, S. 20)

Einige Beispiele: Kinder können nicht eben mal ihre Freunde im Nachbarort besuchen, denn es könnte eine Ausgangssperre verhängt werden und es wäre in dieser Zeit nicht möglich, nach Hause zurückzukehren. Plätze in der Umgebung, an denen die Eltern in ihrer Kinderzeit gespielt haben, sind nicht mehr zugänglich, da sie hinter der Sperranlage liegen. Obwohl die Kinder an klaren Tagen von Jayyous aus das Mittelmeer sehen können, ist es ihnen nicht erlaubt, dorthin zum Baden zu fahren. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage in der Westbank und der angespannten finanziellen Lage der Eltern müssen die meisten Kinder auf viele Dinge verzichten. Obwohl es sich nicht alle Eltern leisten können, ihre Kinder auf eine weiterführende Schule zu schicken, ist der Druck auf die Kinder, gute Schulleistungen zu erbringen, um sich keine Chancen auf gute Berufsaussichten außerhalb der Region zu verbauen. Spiele der Kinder haben nicht selten einen deutlichen realen Hintergrund, wenn beispielsweise mit Steinschleudern gespielt bzw. "trainiert" wird ("Wir mit unseren Steinschleudern gegen die Soldaten mit ihren Gewehren.").Kinder leben in ständiger Angst, dass es ihrem Vater nicht erlaubt werden könnte, das "gate" oder den "checkpoint" zu passieren, er seinen Arbeitsplatz verlieren könnte oder er sogar verhaftet werden könnte. "Ich habe oft Angst, einen Familienangehörigen oder einen meiner besten Freunde zu verlieren. Mit dieser Angst kann ich nicht wie ein normales Kind leben." (Rana, 17 J., Our Voices, S. 18)

Insgesamt gesehen, ist das tägliche Leben der Kinder durch Einschränkungen, ständige Gefahr, Angst und Ungewissheit bestimmt. Ein Junge drückt das folgendermaßen aus: "Es ist wirklich so, dass die Besatzung dazu führt, dass wir unsere Kindheit vergessen und dass wir vergessen, wie man als Kind lebt." (Our Voices, S. 16) Mit Sicherheit ist es für Kinder schwieriger als für Erwachsene, mit den Bedingungen der Okkupation zurechtzukommen. Das zeigen einige Ergebnisse der Untersuchung von Cook; Hanieh und Kay recht deutlich. Danach führt ein Leben unter ständigem Stress und ständiger Gefahr zur Beeinträchtigung der Fähigkeit, das tägliche Leben zu bewältigen, langandauernde Beziehungen einzugehen und Pläne für die Zukunft zu machen. Bei den Kindern sind Angst vor Soldaten und erhöhtes aggressives Verhalten weit verbreitet. Eine Untersuchung über die Symptome, die in der Region Qalqilia auf die Sperranlage zurückzuführen sind, stellte auch bei Kindern eine weite Verbreitung von Schlaf-und Ess-Störungen fest.

Wie wirkt sich das auf das Verhalten der Kinder aus? Bei der Beantwortung dieser Frage kann ich mich auf die Erfahrungen in der weiterführenden Schule für Jungen und im Kindergarten des Charity Centre in Jayyous beziehen. Der Direktor der Schule bestätigt im Großen und Ganzen die Ergebnisse der Untersuchungen. "Alle Kinder sind passiv durch die Präsenz der Soldaten, durch das Vorhandensein der 'gates' und durch die Behandlung der Familie und der Eltern, die sie fast täglich erfahren, betroffen." Viele von ihnen haben erlebt, wie ihre Eltern von israelischen Soldaten gedemütigt, beschimpft, bedroht und sogar geschlagen wurden, insbesondere, wenn Häuser durchsucht wurden. Für sie sind israelische Soldaten Feinde, die Teil des Okkupationssystems sind, und keine Menschen, mit denen man etwas zu tun haben oder mit denen man reden möchte. Die Soldaten mit Steinen zu bewerfen, ist die häufigste Antwort der Kinder, vor allem der älteren unter ihnen. Sie ignorieren die Konsequenzen für sich selber (Festnahme und Verhör) und für die Leute im Dorf (z.B. wenn die Soldaten auf das Steinewerfen mit dem Einsatz von Tränengas antworten und dadurch Tiere getötet werden). Der Direktor der Schule versucht, seine Schüler davon abzuhalten, sich mit den Soldaten anzulegen. Ein anderer Lehrer sagt, er versucht sogar, die Schüler von der Teilnahme an der wöchentlichen Demonstration gegen die Sperranlage abzuhalten: Sie sollten in dieser Zeit lieber lernen. Neben den "aktiven" gibt es die Kinder, die mit Rückzug und Niedergeschlagenheit reagieren. "Sie sind wie paralysiert", so der Direktor der Schule. Für ihn und seine Kollegen ist es schwierig, mit den Kindern über ihre Situation und ängste zu sprechen, nur wenige können oder wollen darüber sprechen. Wie tief die ängste sitzen, zeigt sich bereits im Kindergarten. In einem Projekt des YMCA wurden die Kinder gebeten, den Ort zu malen, an dem sie sich sicherfühlen: Nur wenige haben das Haus gemalt, in dem sie mit ihren Eltern leben. In einem anderen Projekt, vom Direktor der Schule initiiert, haben Kinder aller Altersstufen unter der Anleitung eines Künstlers an einer Mauer am Rathaus ein großes Wandbild gemalt. Das Thema der Aktion war "Man kann die Hoffnung nicht zerstören". Wie vielschichtig die Hoffnungen der Kinder sind, sieht man nicht nur an den unterschiedlichen Motiven des Wandbildes, sondern auch daran, dass der dargestellte Jeep der Militärpolizei mit Steinen beworfen wurde (die weißen Flecken auf dem Jeep).

Der Direktor der Schule versucht außerdem, mit den Eltern zusammenzuarbeiten, um den Kindern zu helfen. Nach seinen Erfahrungen ist das deshalb sehr schwierig, weil die Eltern selber unter der Folgen der Besetzung leiden und ihnen in vielen Fällen Zeit und Energie fehlen, sich mit den Proble-men ihrer Kinder auseinanderzusetzen. Auch das Charity Centre und der Kindergarten versuchen, die Eltern zu unterstützen und den Kindern zu helfen. Eines der Projekte ist das bereits genannte Projekt des YMCA, mit dem den Kindern geholfen werden soll, ihre ängste, aber auch ihre Hoffnungen auszudrücken.

Angesichts der schwierigen Verhältnisse, unter denen die Kinder hier aufwachsen, ist es erstaunlich, dass sich in Jayyous wie in der Westbank allgemein die übergangsquote zu den weiterführenden Schulen in den letzten fünf Jahren bei rd. 90% eingependelt hat (im internationalen Vergleich ein hoher Anteil). Darüber hinaus ist der Anteil der Schüler, der eine weiterführende Schule erfolgreich abschließt, von rd. 56% (1995) auf knapp 70% (2005) gestiegen. (http://www.passia.org) Diese Entwicklung zeigt, dass für die Zukunft der Kinder Bildung als wichtigste Hoffnung angesehen wird - eine Hoffnung, die sich allerdings angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage in der Westbank für nur wenige erfüllen kann, so dass sie de Region verlassen werden. Nichtsdestoweniger ist der Direktor der Schule der Meinung: "Wir versuchen, den Kindern andere Möglichkeiten zu eröffnen als Hoffnungslosigkeit oder Konfrontation mit den israelischen Soldaten."

Wandbild an der Mauer auf dem Rathausgelände in Jayyous 1
Wandbild an der Mauer auf dem Rathausgelände in Jayyous 2

Wandbild an der Mauer auf dem Rathausgelände in Jayyous (April 2009)

Verwendete Quellen:

B`Tselem: Annual Report 2007

http://www.btselem.org

Catherine Cook; Adam Hanieh; Adah Kay: Stolen Youth, London and Sterling, Va., 2004

Defence for Children International: Our Voices, 2005

Ray Dolphin: West Bank Wall. Unmaking Palestine, London and Ann Arbor, Mi, 2006

http://www.passia.org

 

 

24. März 2009

Achter Bericht aus Jayyous

"Wir wünschen Ihnen einen sicheren und angenehmen übergang."

Im von Israel besetzten Westjordanland gibt es rund 600 "checkpoints". Dazu zählen mehr als 400 "einfache" Straßensperren (Straßen werden für Palästinenser gesperrt) und befristete Kontrollposten (in den letzten Jahren zwischen 70 und 140), sowie gegenwärtig 102 ständige "checkpoints", davon 36 zwischen Israel und dem besetzten Westjordanland. Die ständigen "checkpoints" bestehen in der Regel aus einem großen nicht überdachten Gelände, auf dem sich die Menschen anstellen, einem großen eingezäunten Gelände mit meistens nur einem Zugang (in der Regel eine Drehtür) und einem Abfertigungsgebäude, zu dem ein an beiden Seiten eingezäunter Gang führt.

Die "checkpoints" wurden von der israelischen Militärverwaltung eingerichtet, um die Bewegungen von Menschen und Waren innerhalb der besetzten Gebiete und zwischen den besetzten Gebieten und Israel zu kontrollieren. Dadurch wird die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Bevölkerung erheblich eingeschränkt. Besonders betroffen sind Kranke, die ein Krankenhaus erreichen müssen, und in großer Zahl palästinensische Arbeitskräfte, die in Israel erwerbstätig sind. Sie können ihre Arbeitsstelle nur durch einen der ständigen "checkpoints" erreichen. Dazu benötigen sie einen Passierschein ("permit") der israelischen Militärverwaltung, der befristet erteilt wird und über dessen Verlängerung nur nach erneuter Antragstellung entschieden wird. Beim Passieren des "checkpoints" werden neben dem Passierschein die ID-Karte und auf einem elektronischen Gerät der Handabdruck kontrolliert. Er wird mit dem Handabdruck verglichen, der bei Antragstellung für den Passierschein eingescannt wurde. Die Kontrollen werden von Soldaten, Grenzpolizisten und zunehmend von privaten Sicherheitsdiensten vorgenommen. Das Passieren des "checkpoints" ist für die Menschen zeitaufwendig, die Umstände sind menschenunwürdig, und es hat bereits Todesfälle gegeben, weil Schwerkranke ein Krankenhaus jenseits des "checkpoint" nicht rechtzeitig erreichen konnten.

Die großen "checkpoints" zwischen den besetzten Gebieten und Israel werden "Terminals" ge-nannt. Dazu gehört auch das "Qalqilia North Terminal" an der "green line", an dem wir an jedem Donnerstag und Sonntag von 4 bis etwa 7 Uhr 30 morgens stehen. In dieser Zeit passieren sonntags zwischen 3000 und 3500 und donnerstags zwischen 2000 und 2800 Menschen den "Terminal". Unsere Aufgabe ist es vor allem, zu kontrollieren, dass der "Terminal" pünktlich geöffnet wird (und zu telefonieren, wenn das nicht der Fall ist), Verzögerungen bei der Abfertigung und Menschenrechtsverletzungen zu protokollieren und weiterzumelden und für die Menschen als Ansprechpartner für ihre Schwierigkeiten im "Terminal" da zu sein.

An diesem Donnerstag im März warten wieder mehrere hundert Menschen in einer langen Schlange vor der Drehtür, als wir gegen 4 Uhr morgens - es ist noch dunkel - am "Terminal" eintreffen. Auch dieses Mal wird er nicht pünktlich geöffnet - die zehn Minuten Verspätung heute sind noch wenig. Diejenigen, die im vorderen Teil der Schlange stehen, warten bereits seit 3 Uhr. Als die Drehtür geöffnet wird, zeigt sich wieder, dass der Durchlass für diejenigen, die mit einem Rucksack oder einer Reisetasche hindurch wollen, zu schmal ist. Immer wieder bleiben Männer mit ihrem Gepäck in der Drehtür stecken, vor allem, wenn die hinter ihnen Stehenden ungeduldig nachdrängen und schieben und wenn mehrere gleichzeitig in das Drehkreuz hineindrängen und sich gegenseitig blockieren. Dadurch kommt es zu den ersten Verzögerungen. Sonntags ist das noch schlimmer, wenn noch mehr Menschen mit Gepäck kommen, das sie benötigen, wenn sie für eine ganze Woche an ihren Arbeitsplatz fahren.

Zwischen Drehkreuz und Abfertigungsgebäude findet eine Sichtkontrolle des Gepäcks statt. Die Soldatin, die hier tätig ist, sitzt erhöht und für die Menschen kaum sichtbar in einer Art Schalterhäu-schen. Hin und wieder hört man sie über einen Lautsprecher eine Anweisung brüllen. Danach gehen die Menschen durch einen ca. 70 Meter langen, eineinhalb Meter breiten eingezäunten Gang an der Außenwand des Gebäudes zu den Abfertigungsschaltern im "Terminal". Vor allem die überprüfung des Handabdrucks führt hier immer wieder zu Verzögerungen: Es gibt zu wenige Geräte (es sind höchstens vier in Betrieb), sie funktionieren nicht immer fehlerfrei. vor allem bei Handverletzungen (bei Bauarbeitern häufig der Fall) meldet das Gerät Nichtübereinstimmung und die überprüfung muss wiederholt, an einem anderen Gerät vorgenommen werden, oder die Menschen werden abgewiesen. Aber auch die überprüfung der ID-Karten und der Passierscheine führt zu Wartezeiten, da auch hier höchstens vier Schalter geöffnet sind. Das sind viel zu wenige für eine zügige Abfertigung - an diesem Donnerstag passieren von 4 bis 7 Uhr 30 rd. 3100 Menschen den "Terminal". Infolgedessen bildet sich immer wieder eine lange Warteschlange, die sich bis zum Gang außerhalb des Gebäudes erstreckt. Das führt an diesem Donnerstag dazu, dass das Drehkreuz sechs Mal bis zu zehn Minuten geschlossen wird, außerdem immer wieder für kürzere Zeit, bis sich die Warteschlange aufgelöst hat.

Insgesamt sind lange Warte- und Abfertigungszeiten die Folge. Wir haben mit Leuten gesprochen, die von der Drehtür bis zum Verlassen des Abfertigungsgebäudes eine Stunde und andere, die einschließlich der Wartezeit vor dem Drehkreuz zweieinhalb Stunden benötigt haben. Für viele ist das keine einmalige, sondern tägliche Erfahrung. Wenn die Drehtür immer wieder geschlossen wird, nehmen die Ungeduld und das Gedränge im käfigartigen Raum davor immer größere Ausmaße an - schließlich wollen alle einigermaßen pünktlich an ihren Arbeitsplatz gelangen. An diesem Donnerstag wie auch an den meisten anderen Tagen, an denen wir hier waren, führen die ständigen Verzögerungen dazu, dass sich die Warteschlange plötzlich auflöst und alle Wartenden von hinten zur Drehtür stürmen. Die Frustration über die lange Wartezeit, die Angst, wieder einmal zu spät zur Arbeit zu kommen, und die Wut darüber, dass wieder einmal Zeit für die Familie verlorengeht, wenn man die versäumte Zeit nacharbeiten muss, führen dazu, dass geschoben, gedrückt und gerempelt wird und einige versuchen, über die vorn Stehenden hinweg an die Drehtür zu gelangen - mit der Folge, dass die Drehtür immer wieder blockiert wird. Das Foto kann die Situation nur unvollständig wiedergeben.

Das gesamte Verfahren der Wartezeiten und der Abfertigung ist menschenverachtend und demütigend. Die "checkpoints" sind mit dem Argument der Sicherheit errichtet worden. Die israelische Menschenrechtsorganisation B`Tselem kommt zu einer anderen Einschätzung: "Sie (die "checkpoints") erschweren das Leben der Menschen unnötig. Sie gewähren keine Sicherheit für die israelische Bevölkerung, sie sind in Wahrheit ein Sicherheitsrisiko, weil die täglichen Demütigungen Verzweiflung und Hass erzeugen." Für den Berichterstatter an die UN-Menschenrechtskommission John Dugard sind die "checkpoints" ein eindeutiger Verstoß gegen die Menschenrechte.

Die israelischen Behörden sehen das anders. Auf der Hinweistafel am Zaun des "Terminal" heisst es: "Wir wünschen Ihnen einen sicheren und angenehmen übergang. Gehen Sie in Frieden."

Terminal Qalqilia North im März 2009
Terminal Qalqilia North im März 2009 (Schild)

Terminal Qalqilia North im März 2009

 

Weitere Information zu "EAPPI" finden Sie unter http://www.eappi.org.