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Das Video zeigt u. a. Pfarrer Axel Kajnath bei der Olivenernte.

11. Brief aus Bethlehem, 23.11.2009:

3 Monate Sabbatzeit - Was bleibt davon?

""Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig stark. "
                                                                                                 2.Kor 12,9

Drei reich gefüllte Monate hier in Bethlehem liegen nun hinter mir. In dieser Zeit habe ich viel erleben dürfen und bleibende Erinnerungen sammeln können. Ich will versuchen in wenigen Sätzen die für mich prägendsten Erlebnisse weiter zu geben.

Zu allererst denke ich an die vielen Begegnungen mit einer zwar kleinen aber überaus lebendigen und vielfältigen Kirche. Die arabischen Christen in Palästina sind stolz auf ihren Glauben und stehen zu ihm in einer muslimisch geprägten Gesellschaft. Darin sind sie eine Minderheit von gerade einmal 2%, die aber selbstbewusst das jahrhundertealte Erbe des christlichen Glaubens an seinem Entstehungsort vertritt. Die tiefe Verbundenheit mit ihrem Land ist ihnen dabei besonders wichtig. Sie fühlen sich als diejenigen, die das steinerne, historische Erbe unseres Glaubens bis auf den heutigen Tag mit geistlichem Leben erfüllen.

Gottesdienst in der Presbyterkirche von Bethlehem

Gottesdienst in der Presbyterkirche von Bethlehem

Als nächste Erinnerung habe ich den oftmals gehörten Satz der Menschen hier im Ohr "Kommt und seht selbst!" Er ist auf dem Hintergrund des Eindrucks gesprochen, von der weltweiten Kirche Jesu Christi weitestgehend vergessen zu sein. "Kommt und seht selbst!", was es heißt mehr als 40 Jahre unter einer Besatzung zu leben, die von den christlichen Kirchen im Westen oftmals sogar mit Verständnis geduldet wird.

Mit ihren muslimischen Nachbarn haben auch die arabischen Christen den Eindruck, dass ihnen Unrecht widerfahren ist. "Weshalb müssen wir für etwas büßen, das wir nicht zu verantworten haben?" Sie meinen damit den Holocaust und die daraus folgende Gründung des Staates Israel auf ihrem Grund und Boden. "Warum erleiden wir solches Unrecht und keiner tut etwas dagegen?", sagen sie und meinen die damit verbundene Vertreibung aus ihrer Heimat. Solche Fragen stürzen die arabischen Christen bis heute in eine große Glaubens- und Identitätskrise.

Kirche und Wachturm

Kirche und Wachturm

"Wer den Frieden sucht, der muss auch von Gerechtigkeit reden", sagen sie etwa im Blick auf Psalm 85,10f. Während Israel berechtigterweise auf seine Sicherheit so großen Wert legt, ist es bei den Palästinensern die Frage nach der Gerechtigkeit, die ihnen widerfahren soll. Von diesen beiden Standpunkten aus nähern sich beide Völker dem gemeinsamen Wunsch, in diesem Land in Frieden mit-oder wenigstens nebeneinander leben zu können.
Ein weiterer, bleibender Eindruck betrifft die Begegnung mit den Moslems. Ich denke beispielweise an jene mit einem jungen muslimischen Architekten, die ich in Nablus hatte. Er lädt mich zum Gebet in die Moschee ein und sagt: "In Deutschland meinen doch viele Leute, die Moslems seien missmutige und bedrohliche Menschen". In den folgenden sechs Stunden sollte er mir das Gegenteil davon beweisen. Er zeigt mir seine Stadt, lädt mich zum Essen ein und wir diskutieren dabei viel über den Islam und das Christentum.

Moslems beim Gebet

Moslems beim Gebet

Dieses kleine, persönliche Erlebnis scheint mir durchaus aussagekräftig zu sein für das Verhältnis der beiden Religionen hier im Lande zu einander. Seit Jahrhunderten leben sie als Nachbarn Seite an Seite und teilen dieselbe Sprache und Kultur und leiden nicht zuletzt gemeinsam unter der aktuellen politischen Situation. Mit den dabei gemachten Erfahrungen können die Christen Palästinas auch künftig eine Art Brückenfunktion haben zwischen Ost und West, zwischen arabischer und westlicher Welt.
Sie, die die Ursprünge unseres christlichen Glaubens seit 2000 Jahren lebendig halten, sind heute in der Gefahr unterzugehen. Sie brauchen Ermutigung und Unterstützung von außen und fordern diese von uns westlichen Christen auch nachhaltig ein. Aus christlicher Verbundenheit heraus sollten wir uns ihrem Wunsch nicht verschließen. Wie heißt es doch in 1. Kor. 12,26?
"Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit."

 


10. Brief aus Bethlehem, 16.11.2009:

"Das Schweigen brechen" (www.breakingthesilence.org.il)

Unsere Gruppe von überwiegend jugendlichen Internationalen ist mit Yehuda Schaul in den Hügeln südlich von Hebron unterwegs, dort also, wo die Landschaft bereits in den Negev überzugehen beginnt. Yehuda stellt sich uns selbst folgendermaßen vor:

Yehuda Schaul

Yehuda Schaul

"Ich wurde vor 26 Jahren in Jerusalem als Sohn eingewanderter Amerikaner geboren. Jahrelang war ich ein 'rechtgläubiger Vorzeigeisraeli'. Nach dem Abitur ging ich -wie in Israel vorgeschrieben- für drei Jahre zur Armee. Von 2001-2004 war ich zunächst als einfacher Soldat, später dann als Vorgesetzter von 120 Soldaten in der südlichen Westbank eingesetzt. Mehr als ein Jahr davon habe ich in der Stadt Hebron gedient."

Seine "Erleuchtung" kam, als er wie ein Zivilist über seinen Einsatz nachzudenken begann.
"Unter uns Kameraden sprachen wir darüber, was wir hier eigentlich tun. Was bedeutet das Motto "Wer nicht für uns ist, ist unser Feind?" Hebron ist dafür ein schlimmer Beweis. So beschlossen wir, Hebron nach Tel Aviv zu bringen. Mit unserem Entlassgeld gründeten wir -65 Leute, die in Hebron ihren Militärdienst geleistet hatten- im März 2004 "Breaking the Silence". Heute sind wir etwa 700 ehemalige Soldaten, alle zwischen 22 und 28 Jahre alt."

Ihre erste Aktion war eine Ausstellung mit Bildern, Videos und Berichten von Soldaten über ihren Einsatz in Hebron. Bis heute sehen sie die Aufklärung junger Menschen, die ihren Armeedienst noch vor sich haben, die öffentlichkeitsarbeit und geführte Touren wie der unseren als ihre Hauptaufgabe.

In einem Flyer beschreibt die Gruppe ihre Aufgabe:
"Die Hügel südlich von Hebron sind weit weg von Tel Aviv. Sie werden von den Medien und in der öffentlichen Diskussion weitestgehend ignoriert. Die große Region und die vielen Palästinenser, die hier leben, sind in den Gesprächen, wie der Konflikt in der Zukunft behandelt werden soll, weitestgehend vergessen. Wir Soldaten, die in dieser Region unseren Militärdienst geleistet haben, haben mit eigenen Augen gesehen, zu welchen Konsequenzen diese erwähnte Missachtung führt. Mitglieder von "Breaking the Silence" sehen es jetzt als ihre zivile Pflicht an, die israelische Gesellschaft darüber zu informieren, was in ihrem Namen in den besetzten Gebieten geschieht. Wir halten ihr gleichsam einen Spiegel vor, der widerspiegelt, was der Preis für unsere Präsenz in diesen Gebieten ist."

Die Realität dieser Besatzung dokumentiert Yehuda dann mit Beispielen von Straßensperren, die die Bewegungsfreiheit der Palästinenser erheblich einschränken. Die aggressive Präsenz der Siedler in diesem Gebiet hat tätliche übergriffe auf palästinensische Bauern zur Folge. Ihre Brunnen werden vergiftet, ihre Behausungen und Pflanzungen immer wieder zerstört. Damit wollen die Siedler bewirken, dass die Palästinenser aufgeben und die Gegend verlassen.

Palästinensische Familie

Palästinensische Familie

Das Militär hat dabei offiziell nur die Rolle, die Siedler zu beschützen und bei Streitigkeiten die Parteien voneinander zu trennen. Sie können Siedler nicht bestrafen, da diese israelischem Recht unterstehen für deren überwachung die Polizei zuständig ist. Deren nächste Station ist allerdings weit weg.

Aufgabe des Militärs ist es zudem auch in dieser Region ständige Präsenz zu zeigen. Yehuda Schaul berichtet von einer solchen Routinepatrouille:

"Du bist auf Patrouille und siehst am Straßenrand eine schwarze Plastiktüte liegen. Was mag da wohl drin sein? Du hast drei Möglichkeiten: Auf die Tüte schießen und schauen, was passiert.
Einen Experten rufen, der sich die Sache genauer anschaut, was aber lange dauert. Oder den nächsten vorbeigehenden Palästinenser auf zu fordern, die schwarze Tüte hochzuheben und wegzubringen."

Am Beispiel der alten Ortschaft Susya wird uns die Besatzungsrealität vorgeführt.
11 palästinensische Familien wurden daraus vertrieben, weil ihr Dorf wegen einer aufgefundenen alten Synagoge zur archäologischen Zone erklärt wurde. Heute leben diese Familien etwa zwei Kilometer entfernt davon in Zelten bzw. halbhohen Hütten und bewirtschaften das umliegende Land. Die Familie, bei der wir zu Gast sind, hat sogar die schriftliche Urkunde aus der Osmanenzeit über den Besitz dieses Grundstücks. Das ist höchst selten, denn dafür mussten damals hohe Steuern bezahlt werden. Aber dieses Papier verhindert heute, dass die Familie von ihrem Grund vertrieben wird. So hat es der oberste Gerichtshof von Israel bestätigt. Um ihnen das Leben hier allerdings zu erschweren, erhalten sie keine Erlaubnis, irgendwelche Hütten oder feste Behausungen zu errichten. Ihre Wohnhöhle wurde niedergebrannt und zugeschüttet. Ihr Brunnen vergiftet. Die verbleibende, kleine Quelle reicht gerade für die Familie aus. Wasser und vor allem Futter für die Schafe muss für teures Geld zugekauft werden.

 Zerstörte Wohnhöhle

Zerstörte Wohnhöhle

Die Familie wird -Gott sei Dank- seit einigen Jahren schon von mehreren israelischen Friedensaktionsgruppen unterstützt. So hat beispielsweise Betselem eine Kamera installiert, die das Anwesen ständig überwacht und evtl. übergriffe durch die Siedler dokumentiert. Drei israelische Ingenieure haben dafür jüngst in Eigeninitiative einige Solarzellen sowie Windräder errichtet, die die Hütten jetzt mit Strom für Kühlschränke und PCs sowie Licht am Abend versorgen. www.btselem.org/english/Video). Die SZ vom 03.11.2009 berichtete auf Seite 3 ausführlich darüber.
ISM (International Solidarity Movement) ist ständig mit 2 freiwilligen Internationalen vor Ort (www.palsolidarity.org).

Mit Stacheldrahtzäunen werden die Bauern am Zutritt zu ihren entfernter liegenden Feldern gehindert und somit auch daran, diese zu bestellen oder mit ihren Tieren andere Weideplätze aufzusuchen. Wer aber drei Jahre lang sein Feld nicht bestellt, verliert es an den Staat Israel als "Staatsland". Dieses darf nur für israelische Bürger verwendet werden. Vor 1967 waren ca. 20% der Westbank sog. "Staatsland"; heute sind es bereits über 40%. Wer wiederum 10 Jahre lang ein Feld bestellt, darf es danach sein Eigen nennen. So kommen die Siedler "legal" zu immer mehr neuem Land.

UN-Draht hält Bauern fern

UN-Draht hält Bauern fern

Verzweiflung und Hoffnung liegen hier also sehr nahe beieinander. Dank der Aufklärungsarbeit von "Breaking the Silence" brauchen sich die palästinensischen Familien aber nicht vergessen zu fühlen. Auf der Heimfahrt nach Jerusalem zieht Yehuda seine Folgerung aus dieser Situation:

"Ihr (d.i. die israelische Gesellschaft) habt uns gesagt, was wir hier tun sollen. Jetzt wollen wir euch zeigen, was wir für diesen Staat getan haben und euch gleichsam den Spiegel vorhalten: so schaut Besatzung in der Realität aus. Gleichzeitig haben wir in unserer Armee einen sog. 'Ethikcode''. Wenn wir uns auch künftig aufrecht im Spiegel betrachten wollen, müssen wir eines von beiden aufgeben."

 


9. Brief aus Bethlehem, 7.11.2009:

Grundzüge einer palästinensischen Theologie

""Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird ewige Stille und Sicherheit sein, dass mein Volk in friedlichen Auen wohnen wird, in sicheren Wohnungen und in stolzer Ruhe. "
                                                                                                 Jes 32,17f

Im Laufe der 90er Jahre beginnen Theologen aus verschiedenen Kirchen Palästinas eine eigenständige Theologie zu entwickeln, die sie selbst als "kontextuelle, palästinensische Theologie" bezeichnen. Sie ist mit Namen wie Elias Chacour (melkitischer Bischof in Haifa), Naim Ateek (anglikanischer Priester bei Sabeel, einem ökumenischen, theologischen Zentrum in Jerusalem) und Mitri Raheb (lutherischer Pfarrer in Bethlehem) verbunden.
Um die Grundgedanken dieser Theologie zu verstehen, muss man -wie bei vielen anderen Dingen in diesem Land auch- in die Geschichte Palästinas blicken.

Nakba

Nakba

Ein Schlüsselwort in der jüngeren Geschichte dieses Landes lautet "Nakba". Es heißt übersetzt "Katastrophe" und meint nicht in erster Linie die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948, sondern die Folgen, die diese Staatsgründung für die alteingesessenen Bewohner dieses Landes mit sich brachte. Sie wurden zu Hunderttausenden aus ihrer angestammten Heimat vertrieben, über 400 ihrer Dörfer wurden zerstört und es wurde mit der ethnischen Säuberung des neuen Staates Israel begonnen. Mit dieser Vertreibung verloren die Palästinenser nicht nur ihr Hab und Gut, ihre Häuser und Felder, sondern auch ein gutes Stück ihrer Identität.
Angesichts dieses Schicksals tauchten grundlegende Fragen auf. "Weshalb müssen wir für etwas büßen, das wir nicht verschuldet haben (Holocaust)? Warum erleiden wir solche Ungerechtigkeit und alle Welt sieht dabei stillschweigend zu?"

Die palästinensischen Christen stürzten Fragen wie diese in eine tiefe Glaubens- und Identitätskrise.
Haben die jüdischen und christlichen Zionisten mit ihrem Verständnis der Bibel Recht, wenn sie in der Rückkehr der Juden und der Errichtung eines eigenen Staates den Willen Gottes sehen? Werden wir Palästinenser von Gott dafür bestraft, dass wir das Land unserer Vorväter lieben und darin bleiben wollen?

Solche Gedanken, die freilich erst ziemlich spät in Worte gefasst werden, bilden eine Wurzel zur Ausbildung einer eigenständigen palästinensischen Theologie. Es ist eine Theologie der Befreiung von physischer und geistlicher Gefangenschaft. Zugleich ist es aber auch eine Befreiung der Theologie eines bis dahin einseitigen, unhinterfragten Bibelverständnisses.

Logo Sebeel

Logo Sebeel

Eine zweite wichtige Wurzel ist in der 1.Intifada der Jahre 1987 bis 1993 zu sehen. Die Frustration der Palästinenser darüber, dass sich trotz vieler Verhandlungen und Gespräche an ihrer alltäglichen Lebenssituation nichts ändert, die fortschreitende Besiedelung ihres Landes und der damit verbundene Raub ihres Vaterlandes vielmehr weiter vorangetrieben werden, führen schließlich zum Ausbruch dieser Intifada. Sie war eine gewaltfreie Basisbewegung, die alle Alters- und Bevölkerungsschichten umfasste. Die Intifada (="Abschüttelung") hatte ein neues palästinensisches Selbstbewusstsein zur Folge und stärkte die Rückbesinnung auf die eigene Kultur und Tradition. Sie verschaffte dem Anliegen der Palästinenser große Beachtung in den weltweiten Medien. Eine entsprechende Solidarität und geistliche Unterstützung ist in der kontextuellen, palästinensischen Theologie zu sehen.

Ein sehr zentraler Begriff dieser Theologie ist die Frage nach der Gerechtigkeit, die allen Menschen widerfahren soll. Der Blick wird dabei besonders auf Gottes Fürsorge für die Armen und Unterdrückten gelenkt, denen diese Gerechtigkeit verheißen ist.
Aus diesem Blickwinkel heraus wird die Bibel neu gelesen. Zentrale Begriffe des "zionistischen" Bibelverständnisses, Erwählung und Landverheißung beispielsweise, werden dabei kritisch untersucht und neu interpretiert.

Die Erwählung Israels ist ein freier Gnadenakt Gottes, aus dem kein Anspruch, keine Ideologie abgeleitet werden kann. Es ist ein Zuspruch an eine oft selbst unterdrückte und verfolgte Minderheit, der diesen Menschen Trost spenden möchte (s.Jes 41,8-10).
Diese Erwählung wurde dem Volk Israel aber nicht bedingungslos gegeben, sondern Glaube und Gehorsam ihrem Gott gegenüber gefordert. Wann immer Israel stark, selbstsicher und reich geworden ist, schickte Gott Propheten, die vor Selbstgerechtigkeit mahnen sollten (s.Hos 13,4-9).

Die Erwählung Israels ist kein reiner Selbstzweck. Israel sollte vielmehr ein Zeugnis des Schöpfergottes für die Heiden sein. Erwählung ist demnach niemals exklusiv zu verstehen, sondern inklusiv, d.h. andere Völker und Menschen in dieses Heil Gottes einschließend (s.Jes 42,6f.). Wo Israel das vergaß, drohte ihm der Verlust seines Landes.

Die zweite große Herausforderung für palästinensisches Bibelverständnis ist die Landverheißung. Sie wurde Israel vor allem zur Patriarchen- und Exilszeit gegeben, einer ära seiner Geschichte also, während derer es selbst staatenlos war. Auch diese Verheißung war in erster Linie an besitzlose, verzweifelte Menschen gerichtet, um ihnen Mut und Trost zuzusprechen. Und auch diese Verheißung war Israel nicht bedingungslos gegeben, sondern ebenfalls an den Gehorsam Gott und seinen Geboten gegenüber gebunden (s.Lev 26,27-33; Jes 28,16f.).

Zu jeder Zeit lebten im übrigen Fremde im Land, denen besondere Achtung entgegengebracht werden sollte. Auf die heutige Situation übertragen sollte das folgendermaßen verstanden werden: "Das Land sollte Heimat für zwei Völker sein. Jedes der beiden Völker sollte dieses Land als Gabe Gottes sehen, die miteinander geteilt werden soll. Friede und der Segen des Landes sowie der beider Völker hängt an dieser Bereitschaft zum Teilen. Nur dann werden die biblischen Verheißungen erfüllt werden" (Mitri Raheb: Ich bin Christ und Palästinenser).

In dieser Situation der Unterdrückung, in der Israel seine Verheißungen von Gott gegeben wurden, sehen sich heute die Palästinenser nach mehr als 40 Jahren israelischer Besatzung. Aus dieser Lebenssituation heraus lesen und verstehen sie heute die Botschaft der Bibel. Manche der atl. Geschichten fallen ihnen dabei schwer zu lesen. Dagegen werden ihnen Bibelworte wichtig, die Jesus selbst als einen Menschen zeigen, der am eigenen Leib eine Besatzungsmacht, Flucht und Vertreibung erleben musste. Durch die gemeinsamen Wurzeln im Land fühlen sie sich ihm in besonderer Weise verbunden.

Ihr Glaube ist dabei nicht nur stilles Erdulden, wie sie es in ihrer Alltagswirklichkeit oft genug hinnehmen müssen, sondern ein aktives Mitwirken an der Errichtung von Recht und Gerechtigkeit im Land. Der arabische Bischof Elias Chacour, der selbst aramäisch, die Sprache Jesu spricht, weist darauf hin, dass in den Seligpreisungen Jesu das Wort "selig" ein aktives Verb ist. Es bedeutet soviel wie "sich selbst auf den Weg machen, um das Ziel zu erreichen". Matthäus 5,7+9 übersetzt er deshalb folgendermaßen:

"Steh auf! Geh vorwärts! Tu was! Bewege dich, der du hungrig und durstig bist nach Gerechtigkeit, du sollst befriedigt werden.
Steht auf! Geht vorwärts! Tut was! Bewegt euch, ihr Friedenmacher, ihr werdet Kinder Gottes genannt werden".

Ermutigung zu solchem Handeln sowie die Kraft dazu erhalten die palästinensischen Christen durch den Glauben an ihren Landsmann und Bruder Jesus. Er hat die Liebe Gottes zu allen Menschen gebracht, ohne Ansehen ihrer Herkunft oder Volkszugehörigkeit. S. dazu Paulus in Gal 3,26-29 und Eph 2,14-22.

We are still like an olivetree

We are still like an olivetree

Diese palästinensische Theologie wird gerne auch als "Olivenbaumtheologie" bezeichnet. Der Olivenbaum ist das nationale Symbol Palästinas und Ausdruck seines Selbstverständnisses. Mit seinen Wurzeln ist er tief mit diesem Land verbunden. Lange Zeiten der Dürre übersteht er und treibt doch immer wieder von neuem seine Zweige und Blätter aus. Jahrhunderte lang kann dieser Baum dann Früchte tragen.

Für die Menschen hier im Land ist der Olivenbaum ein Zeichen ihrer tiefen Verbundenheit mit diesem Land sowie ihrer Standfestigkeit, mit der sie an ihrem Glauben an die Liebe und an die Gerechtigkeit Gottes festhalten. Er ist letztlich auch Ausdruck ihrer Hoffnung auf ein Ende der Unterdrückung und der Errichtung eines dauerhaften Friedens.

 


8. Brief aus Bethlehem, 1.11.2009:

"Wer bremst ist feige"
oder: Eine Fahrt im Servicetaxi (sprich: Serviis) von Bethlehem nach Ramallah

Frohgemut besteige ich am Samstagmorgen eines der vielen Servicetaxis, um einen Ausflug nach Nablus, einer Stadt im Norden der Westbank, zu machen. Sobald das Sammeltaxi mit seinen sieben Sitzplätzen voll ist, wird gestartet. Die erste Etappe bringt mich nach Ramallah, wo ich umsteigen muss.

Spätestens nach der zweiten Bodenwelle greifen alle Mitfahrer freiwillig zum Sicherheitsgurt. Es beginnt die Ramallah-Ralley. Um von Bethlehem dorthin zu gelangen, muss man den Großraum Jerusalems weiträumig umfahren, da er von Palästinensern nur mit einer besonderen Erlaubnis betreten werden darf.

Die kleine Straße führt zunächst durch langgezogene Ortschaften, in denen erstmals ausprobiert wird, wie schnell und wie hoch man zwischen den einzelnen Bodenwellen beschleunigen kann. Gehsteige, Verkehrszeichen u.ä. gibt es natürlich nicht. Der Straßenverkehr richtet sich hier nach dem Motto: "Es gilt das Recht des Stärkeren".
Vor unübersichtlichen Kurven wird nicht etwa die Geschwindigkeit reduziert, sondern anhaltend auf die Hupe gedrückt.

Bald geht es steil und in engen Serpentinen in ein tiefes Wadi hinab, um gleich danach die nächste Bergkuppe mit Vollgas in Angriff zu nehmen. Mein erstes Stoßgebet während dieser Fahrt gilt dem Fahrer. Möge auch ihm ein wenig daran gelegen sein, unser Ziel sicher zu erreichen.

Zur Unterhaltung der Fahrgäste wird das Radio eingeschaltet, aus dem lautstark arabische Musik ertönt. Zwischendurch wird noch schnell das Fahrgeld (NIS 17.-; ca. € 3.-) dem Fahrer vorgereicht und bei Bedarf das entsprechende Wechselgeld zurückgegeben.

Nach etwa einer Stunde Fahrt (ca. 35 Km) und dem Passieren zweier israelischer Straßensperren ist dann unser Ziel erreicht. Trotz der eigentlich moderaten Außentemperaturen bin ich das erste Mal an diesem Tag durchgeschwitzt.

Bin ich feige? Oder habe ich nur zu wenig Gottvertrauen? Wenn sieben Leute inständig beten und sich der achte auf's Fahren konzentriert - was soll da schon Schlimmes passieren?
Al Hamdulallah! (Gott sei Dank!)

Checkpoint morgens

Fahrt im Service-Taxi

 

Begegnung mit einem jungen Moslem

Ich lerne Mo´men, einen etwa 30-jährigen Architekten, in der Moschee von Nablus kennen. Dort sitze ich am Boden auf den weichen Teppichen und notiere mir ein paar Gedanken in mein Notizbuch. Er tritt an mich heran und fragt freundlich, woher ich komme und was ich hier in Nablus mache. Dann lädt er mich ein, am sogleich folgenden Mittagsgebet teilzunehmen.

Als die Moslems damit fertig sind, kommt er wieder zu mir, fragt ob ich ein wenig Zeit habe und er mir seine Stadt zeigen könne. "In Deutschland meinen die Leute, die Moslems seien missmutige und bedrohliche Menschen", sagt er - um mir in den folgenden sechs Stunden das Gegenteil davon zu beweisen. Ich vertraue mich ihm an und sollte es nicht bereuen.

Zunächst führt er mich in die alte Hauptmoschee des Ortes, die früher einmal eine byzantinische Kirche war. Wir schlendern zusammen durch die wunderschöne und turbulente Altstadt von Nablus.
"Kannafeh" sei eine Spezialität dieser Stadt, die ich unbedingt probieren müsse. Natürlich weiss er, wo es das beste "Kannafeh" gibt und führt mich dorthin. Wir essen eine große Portion dieses warmen Ziegenkäses, der mit süßer Flüssigkeit übergossen und überbacken ist; bestreut ist das alles mit fein gehackten Pistazien. Es ist wirklich sehr lecker und macht für die nächsten Stunden satt.
Zur Erinnerung kauft er mir noch ein Kilo frischer Baklavastücke, die ich mit nach Bethlehem nehmen solle. Am kommenden Montag wird die ganze Belegschaft des Bible College das unverhoffte Geschenk des jungen Moslem als Nachtisch genießen.

Nach dieser Stärkung führt Mo´men mich in sein Büro, wo er mir seine innenarchitektonischen Arbeiten zeigt, die sehr modern sind. Wir führen ausführliche Gespräche über den Islam und das Christentum. Aber erklär mal einem Moslem, dass wir nicht an drei Götter glauben! Oder wie das sein kann, dass Gott einen Sohn hat; und wer, bitte schön, ist dann die dazugehörige Mutter?
Er zeigt mir seinen Koran, den ich allerdings nicht berühren darf, und liest mir daraus mit Erklärungen vor. Zum Glück gibt es ja Abraham, den wir als unseren gemeinsamen Urururgroßvater bezeichnen können.

Es folgt eine Fahrt in seinem Auto zu verschiedenen seiner Geschäfte, die er eingerichtet hat; dem Haus seiner Eltern und einer zweiten Gebetszeit in der Moschee. Dann noch die Fahrt hinauf auf den Berg Ebal, von dem man eine wunderbare Sicht auf die im Tal liegende Stadt hat. Auch seine Universität zeigt er mir mit einem gewissen und durchaus berechtigten Stolz.

Als ich andeute, dass ich noch in eines der alten Hamams möchte, für die Nablus ebenfalls bekannt ist, bringt er mich zu einem der ältesten. Auf dem Weg dorthin schlendern wir durch einen besonders schönen Teil der Altstadt, den er mir unter architektonischem Gesichtspunkt erklärt.

Dann betreten wir das alte Hamam aus dem 17.Jh.. Mo´men erklärt dem Bademeister, was ich alles möchte und verabschiedet sich dann freundlich. Nicht ohne sich vorher bei mir dafür zu bedanken, dass wir uns begegnet sind und ich mit ihm in seiner Stadt unterwegs war.

Eine unvergessliche interkulturelle und interreligiöse Begegnung mit einem Menschen, der mir Eindruck gemacht hat.

Checkpoint morgens

Mo´men im Büro

 

 

Besuch in einem Hamam

Mo´mem, mein moslemischer Begleiter, bringt mich zu einem alten Hamam aus osmanischer Zeit. Er verhandelt kurz mit dem Bademeister und überlässt mich dann meinem Schicksal. Ich bekomme Handtuch, Leintuch, Seife und Schwamm ausgehändigt und werde in die Umkleidekabine geschickt.
Während ich -mit einem Lendenschurz bekleidet- auf weitere Instruktionen warte, habe ich Zeit, mir das alte Hamam genauer zu betrachten. Errichtet im 17.Jh. ist es zwar mehrmals neu gestrichen worden, Wasser zur Reinigung scheinen hier aber nur die Besucher (an diesem Tag nur Männer) und nicht auch die Einrichtung abzubekommen.

Zuerst beginnt die Aufwärmphase.
Ich werde auf einen großen Marmorblock gelegt, der von unten mit Olivenholz beheizt wird und angenehm warm ist. Ein uraltes und verrostetes Leitungsrohr wird aufgedreht und spuckt umgehend heißen Wasserdampf über meinem Haupt aus. In wenigen Minuten ist der alte Raum mit seiner Kuppel in dichten Dampf gehüllt. Nachdem ich so ein paar Minuten andächtig verharre, folgt die zweite Aufwärmphase - nun schon etwas heftiger.

Ich werde dazu in einen kleinern Raum geschoben und soll dort Platz nehmen. Wiederum wird ein Rohr geöffnet, das nun schon deutlich intensiver und auch heißeren Dampf versprüht. In wenigen Minuten drückt es mir den Schweiß aus allen Poren; in ganzen Bächen läuft er mir über meinen Körper.

Es folgt sodann Aufwärmphase drei: Das Heißwasserbad. Drei stufen führen in das Marmorbecken hinab, in dem ich in ca. fünf Minuten gar gekocht werde, um anschließend auf der großen Marmorbank mit einem rauen Handschuh vom Bademeister abgerieben werde.
Ich glaube neben den alten Hautteilen ist auch ein Gutteil heiler Haut durch seine kräftige Hand abgerieben worden.

Rot wie ein Krebs begebe ich mich zur abschließenden "Massage" durch den Hauptmasseur. Ich vermute in seinem Hauptberuf ist er Metzger. Jedenfalls knetet er mich mit seinen kräftigen Händen dermaßen durch, dass ich manchmal kurz vor dem Aufschreien bin und im nächsten Augenblick befürchte, meine Knochen würden jeden Moment unter der Belastung zusammenbrechen. Aber ich überlebe diese Sonderbehandlung erstaunlicherweise unbeschadet.

Danach darf ich mich duschen und frisch bekleidet im Empfangsraum ein Glas süße Mandelmilch zu mir nehmen, Die mir freundlich angebotene Wasserpfeife lehne ich dankend ab. So betrete ich nach einer guten Stunde arabischer Intensiv-Wellness porentief gereinigt wieder die staubigen Gassen der Altstadt von Nablus.

Checkpoint morgens

Im Hamam