7. Brief aus Bethlehem, 25.10.2009:

Checkpoint 300

"Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. "
                                                                                                 Psalm 18,30

Mit meinem heutigen Brief lade ich Euch zu einem "Spaziergang" durch den Checkpoint 300 in Bethlehem ein. Für uns Deutsche, die wir in Besitz eines EU-Passes sind, ist das normalerweise kein Problem.
Sehr viel anders freilich sieht das für die meisten Bewohnerinnen und Bewohner der Westbank aus. Sie erhalten nämlich nur in wenigen Ausnahmefällen eine Erlaubnis die Grenze zu Israel oder nach Jerusalem zu überqueren.

Ankunft Checkpoint

Ankunft Checkpoint

Wenn wir von Jerusalem kommend der Jahrtausende alten Handelsstraße folgen, auf der bereits der Patriarch Jakob unterwegs war, versperrt uns heute auf der Höhe des Rachelgrabes eine hohe Mauer die direkte Weiterfahrt. Wir müssen den Bus verlassen und zu Fuß durch den Checkpoint gehen.

Checkpoint morgens

Checkpoint morgens

Dieses Bild ist am frühen Morgen auf der Bethlehemer Seite aufgenommen. Täglich queren laut Zählungen von EAPPI etwa 2.500 Arbeiter den Checkpoint, um zu ihrer Arbeit nach Israel zu gelangen. Der Checkpoint wird für sie um 5.00 morgens geöffnet. Um aber sicher zu sein, als eine der ersten die Grenze zu überschreiten und pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, warten nicht wenige bereits ab 3.00 hier.
Die Wartezeit nach öffnung des Tores beträgt täglich ungefähr 1-1 ½ Stunden, denn die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch. Nach dem Durchqueren eines Drehkreuzes und eines ersten Körperscanners mit Passkontrolle direkt am Durchlass der Mauer, geht es über einen Parkplatz in die eigentliche Abfertigungshalle. Dort gibt es erneut ein Drehkreuz, einen weiteren Scanner für das Gepäck; die Männer müssen ihren Gürtel und die Schuhe durchleuchten lassen und nach dem nächsten Drehkreuz steht man an der eigentlichen Passkontrolle an.
Der Checkpoint verfügt zwar über insgesamt 12 Kontrolltore, von denen sind morgens normalerweise aber nur vier für Aus- und Einreise gleichzeitig geöffnet, was die Wartezeit entsprechend verlängert.

Handkontrolle Checkpoint

Handkontrolle Checkpoint

Hier werden nun der Pass und die Arbeitserlaubnis kontrolliert. Zusätzlich muss jeder Ausreisende seine Handfläche auf ein Handlesegerät legen. Damit sind alle Arbeiter auch datenmäßig erfasst. Dieses Handflächengerät bereitet mitunter Schwierigkeiten, denn die meisten der Arbeiter sind auf dem Bau o.ä. beschäftigt und ihre Hände entsprechend verschmutzt oder verletzt.

Der diensthabende Soldat bzw. die Soldatin, meist blutjunge ca. 20-jährige, geben dann mit einem wortlosen Nicken aus ihrer panzerglasgesicherten Kabine den Durchgang frei.

Ansonsten ist der gesamte Checkpoint völlig anonym. Nur morgens patrouillieren gelegentlich Soldaten mit Gewehr im Anschlag auf Laufstegen über den Köpfen der Ausreisenden.
Wenn es irgendwo nicht ganz glatt läuft, ertönt eine Stimme aus dem "Off" und sagt irgendetwas auf Hebräisch, was kaum jemand versteht. Dann wird mit entsprechendem Nachdruck die Aufforderung wiederholt. Diese Anweisungen wirken besonders auf Kinder äußerst einschüchternd und Mütter haben dann alle Hände voll zu tun, um ihre Kleinen wieder zu beruhigen.

Poster come and feel the glory

Poster come and feel the glory

Poster come and feel the glory

Poster come and feel the glory (Ausschnitt)

Zur seelischen Auferbauung ist das sterile Gebäude mit attraktiven Plakaten der israelischen Tourismusbehörde geschmückt. Eines zeigt beispielsweise eine glückliche Familie, die am Strand des Mittelmeeres spielt; "Wo das ganze Jahr Ferien sind", lautet die dazugehörige Aufschrift. Oder -wie auf unserem Bild zu sehen-, die Innenaufnahme der Gethsemanekirche am ölberg mit der Aufschrift "Come and feel the glory - Israel".
Für mich sind beide Plakate an diesem Ort und vor diesen Menschen nichts anderes als blanker Zynismus. Denn beide Orte sind für die hier Vorübergehenden beinahe unerreichbar weit weg.

Zu Beginn dieses Jahres gab es auf dem Gebiet der Westbank insgesamt 617 israelische Sperren. Diese können ganz unterschiedliche Formen haben: Straßensperren, Erdwälle, Eisentore, die auf die Felder der Bauern führen, Beobachtungstürme mit Kameras, Tunnel und eben Checkpoints wie den eben beschriebenen. Sie alle haben zur Folge, dass die Bewegungsfreiheit der einheimischen Bevölkerung erheblich eingeschränkt wird und jederzeit kontrollierbar ist.
Eine halbwegs genaue Zeitplanung im Blick auf Arbeit, Schule, Arzttermine o.ä., ist damit beinahe unmöglich; sie erschweren bzw. verhindern oft auch das normale tägliche Leben der palästinensischen Bevölkerung.

Die ca. 300 Km lange Westbank ist durch diese Sperren in viele kleine zusammenhangslose Flecken zerteilt, was ein einheitliches Staatsgebilde derzeit völlig undenkbar macht.

 


6. Brief aus Bethlehem, 17.10.2009:

Die Mauer

"Denn ER ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft. "
                                                                                                 Eph.2,14

"Jerusalem - Bethlehem Love - Peace"
In großen Lettern steht dieser Slogan auf einem Riesenposter, das an der Trennmauer im Checkpoint 300 von Bethlehem hängt. Geschmückt ist es mit Aufnahmen der Hauptsehenswürdigkeiten dieser beiden weltberühmten Städte.
An einem Ort wie diesem, der die tiefe Zerrissenheit des Heiligen Landes wie kein anderer dokumentiert, ist dieses Werbebanner für mich in höchstem Maße zynisch.

Jerusalem-Bethlehem; Love-Peace

Jerusalem-Bethlehem; Love-Peace

Im Jahr 2002 begann Israel als Reaktion auf die palästinensischen Selbstmordattentate während der 2. Intifada mit der Errichtung dieses Bauwerkes. Als "Sicherheitszaun" wird es von Israel bezeichnet. Und tatsächlich sind seitdem die Selbstmordanschläge deutlich zurückgegangen bzw. haben -Gott sei Dank- mittlerweile ganz aufgehört.
Dies allerdings auf die Errichtung der Mauer zurückzuführen ist freilich reichlich spekulativ. Man muss beispielsweise auch die arabische Friedensinitiative aus demselben Jahr erwähnen, die u.a. die Anerkennung Israels in gesicherten Grenzen zusagt, sobald es zum Abschluss eines Friedensvertrages kommt.

Aus palästinensischer Sicht ist das Bauwerk eine inhumane Trennmauer, die Familien und Nachbarschaften zerreißt; Schüler und Studenten von ihren Bildungseinrichtungen abhält; Arbeiter von ihrer Arbeit fernhält; Kranken eine angemessene medizinische Betreuung versagt und nicht zuletzt Bauern an der Bewirtschaftung ihrer äcker und Felder hindert.

Sie trennt aber eben auch Israelis und Palästinenser von einander. "Aus Sicherheitsgründen", so die israelische Version, ist israelischen Staatsbürgern der Zutritt in die Westbank untersagt.

Zutritt für Israelis verboten/Beit Jala Militärposten

Zutritt für Israelis verboten/Beit Jala Militärposten

Tatsächlich hat das aber zur Folge, dass sich die Bürger beiderseits dieser Mauer niemals persönlich begegnen können. Sie könnten dabei ja entdecken, dass der jeweils andere gar nicht so schlimm ist, wie ihn die offiziellen Medien beider Seiten gerne darstellen. Vielleicht soll mit diesem Verbot aber auch nur verhindert werden, dass israelische Bürger erfahren, was ihre Regierung in der Westbank tatsächlich macht.

Insgesamt hat diese Trennmauer eine Länge von ca. 700 Km, während die sog. "green line", also die international anerkannte Waffenstillstandslinie des Jahres 1949 lediglich rund 300 Km lang ist. Betrachtet man eine entsprechende Landkarte (z.B. bei www.btselem.org), dann stellt man schnell fest, warum die Differenz so erheblich ist. An vielen Stellen nämlich schlängelt sich die Mauer tief in palästinensisches Land hinein und bildet dabei große Blasen. Diese Blasen umfassen israelische Siedlungen in der Westbank bzw. strategisch wichtige Punkte, wie z.B. Militärstationen auf Bergkuppen oder unterirdische Wasservorräte. Der Verlauf der Mauer bindet dies alles direkt an das Kernland Israel an.

Lediglich 3% der Mauer verlaufen auf dieser "green line"; 79% östlich davon auf palästinensischem Grund und Boden. Allein die Region Bethlehem hat auf diese Weise 7.300 Dunam Land (1 Dunam= 0,25 acre) verloren. Insgesamt hat Palästina durch die Mauer 12% seines Landes an Israel verloren. Das folgende Bild dokumentiert deutlich eine Maxime Israels, die den Verlauf der Mauer an vielen Stellen bestimmt: "So viel Land wie möglich und so wenig Menschen wie nötig".

Viel Land wenig Leute

Viel Land wenig Leute

Zum größten Teil bildet ein stark gesicherter Zaun, begleitet von einer Militärstraße, diese Trennmauer; nur in dicht besiedelten Gebieten, wie z.B. hier in Bethlehem, ist es eine ca. acht Meter hohe Betonwand. Sie wird mit zahlreichen, oft sehr phantasievollen Graffitis bemalt.

Mauergrafittis

Mauergrafittis

Ein Segment dieser Mauer, ca. 2 Meter breit und 8 Meter hoch, kostet rund $ 5.000.-. Die Gesamtkosten belaufen sich auf mehr als $ 1 Milliarde. Finanziert wird diese Trennmauer zu einem großen Teil auch mit Hilfe amerikanischer Unterstützung in Form von etwa $ 3 Milliarden Wirtschaftshilfe jährlich.

Die Auswirkungen dieser Mauer auf das Alltagsleben der Palästinenser sind verheerend; ich habe sie bereits oben erwähnt. Bauern, die ihr Farmland jenseits dieser Mauer haben, können dafür grundsätzlich eine Genehmigung (permit) beantragen, um ihr Land bewirtschaften zu können. Die Erteilung so eines permits wird jedoch sehr restriktiv gehandhabt und nur rund 10% erhalten es letztlich. Wer aber sein Land 3 Jahre lang nicht bewirtschaften kann, droht es als sog. "Staatsland" an Israel zu verlieren.

Der internationale Gerichtshof in Den Haag hat seit dem Jahr 2004 den Bau dieser Mauer mehrmals verurteilt und Israel aufgefordert den weiteren Ausbau zu stoppen - jedoch ohne damit irgendetwas zu bewirken.

Jerusalem - Bethlehem Love - Peace
Im Rahmen des "Weltmarsches für Frieden und Gewaltlosigkeit", der am Mittwoch dieser Woche in Bethlehem stattgefunden hat, sprach der Erzbischof der griech.-orth.Kirche von Jerusalem, Vater Attalah Hannah, an der Mauer stehend folgende Worte:

Erzbischof Attalah Hannah

Erzbischof Attalah Hannah

"Danke an alle, die heute gekommen sind für die Solidarität mit uns Palästinensern hier in der Stadt, in der Frieden und Hoffnung für die ganze Welt geboren wurden. Wir, Christen und Moslems, haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass diese Mauer fallen wird. In diesem Moment stehen auf der anderen Seite der Mauer wahrscheinlich israelische Soldaten und ich hoffe, ihr hört uns jetzt: Diese Mauer wird fallen wie die Mauer in Berlin! Wir machen jetzt eine schwere Zeit durch. Aber die Ungerechtigkeit wird enden - das ist unsere Hoffnung."

 


5. Brief aus Bethlehem, 9.10.2009:

Das Haus mit den 7 Mauern

Die Trennmauer von Bethlehem windet sich an einer Stelle in einem Halbkreis um ein großes alleinstehendes Haus. Eine enge Straße zwängt sich zwischen der neun Meter hohen Mauer und dem Gebäude hindurch zum Eingang des Hauses. Ich bin zu Besuch bei der hier wohnenden Familie Anastas.

Das Haus der Familie Anastas

Das Haus der Familie Anastas

Das Haus steht in unmittelbarer Nachbarschaft zum Grab der Patriarchenfrau Rachel. Sie wurde hier von ihrem Mann Abraham beerdigt. Seitdem wird die Stätte von Juden, Christen und Moslems in gleicher Weise verehrt. Jetzt aber wurde die Gedenkstätte durch die hohe Mauer aus ihrer vertrauten Umgebung regelrecht herausgeschnitten und ist nur mehr für jüdische Pilger zugängig.

Claire, die noch junge Mutter des Hauses, lädt mich in das Wohnzimmer der Familie im Zweiten Stock des Hauses ein. "Ahlan Wasachlan", sagt sie freundlich und stellt mir ein Glas Fruchtsaft auf den Tisch. Dann beginnt sie zu erzählen.
"Hier in diesem Haus lebe ich mit meiner ganzen Familie. Meine Schwiegermutter ist jetzt bei uns, nachdem sie einen Schlaganfall hatte. Mit meinem Mann und den vier Kindern bewohnen wir dieses Stockwerk. Unter uns wohnt mein Schwager mit seiner Familie. Insgesamt sind wir fünf Erwachsene und neun Kinder. Früher waren noch mehr Menschen hier in der Nachbarschaft aber sie haben ihre Häuser verlassen wegen der schlimmen Situation."

Claire im Gespräch mit Touristen

Claire im Gespräch mit Touristen

Mit "früher" meint Claire die Zeit, als es hier noch keine Mauer und keinen Checkpoint gab. Damals lag ihr Haus an der Hauptverkehrsstraße, die Jerusalem mit Bethlehem verband. In unmittelbarer Nähe zum Rachelgrab betrieb die Familie einen florierenden Souvenirshop. Pilger der drei Hauptreligionen kamen, um hier ihre Andenken zu kaufen.
Der Familienvater hatte eine kleine Autowerkstatt in der Garage; die Familie konnte gut von den Einkünften leben und gehörte sicherlich zu den bessergestellten Familien von Bethlehem.

"Früher", damit ist auch die Zeit gemeint, als sie noch frei gehen konnten, wohin sie wollten. Die Kinder gingen in Jerusalem zur Schule; die gemischtkonfessionelle Familie (Claire Katholisch; ihr Mann griechisch-katholisch; die Schwiegermutter griechisch-orthodox) besuchte die Gottesdienste in Jerusalem; Freunde und Familienangehörige lebten zumeist ebenfalls dort. "Wir lebten mehr in Jerusalem als hier und an den Wochenenden sind wir oft ans Mittelmeer zum Baden gefahren", erklärt Claire.

All das änderte sich mit dem Ausbruch der 2.Intifada im Jahr 2000. Aufgrund der unmittelbaren Nähe zum Rachelgrab und der Tatsache, dass das Grundstück der Familie Anastas groß und unbebaut war, wurde es von der israelischen Armee beschlagnahmt und in ein Militärcamp umgewandelt. Unmittelbar vor ihrer Haustür wurde eine Straßensperre errichtet. Die einstige Hauptstraße war zur Sackgasse geworden und die Umgebung wurde zum Sperrgebiet erklärt. Lediglich der Familie Anastas war es erlaubt ihr Haus zu betreten und zu verlassen.

Blick aus dem Eingang des Hauses

Blick aus dem Eingang des Hauses

Fast ein Jahr lang dauerte damals die verhängte Ausgangssperre, die nur zur Erledigung von Einkäufen für wenige Stunden am Tag aufgehoben wurde. Nachts lag das Haus aufgrund seiner Lage von zwei Seiten unter Beschuss. Zum Schutz kauerte sich die Familie im Hausflur zusammen.
Aus dieser Zeit haben vor allem die Kinder bleibende traumatische Schäden erlitten; auch Claire ist darüber krank geworden. Eigentlich will die Familie ihr Haus nicht aufgeben; wohin sollten sie auch gehen? Manchmal aber kommen diese Gedanken, vor allem, wenn sie an die Zukunft ihrer Kinder denkt.
Die Einkommensquelle der Familie ist seitdem völlig zusammengebrochen; sämtliche Ersparnisse sind mittlerweile aufgebraucht. Die älteste Tochter studiert an der Al-Quds-Universität, droht aber das Semester zu verlieren, da das Studiengeld in Höhe von ca. € 1.500.- nicht aufgebracht werden kann. Der ältere Sohn hat Lernschwierigkeiten und muss eine besondere Förderung erhalten, die ebenfalls viel Geld kostet.

"Mag sein, dass sich die Lage anderswo etwas entspannt hat", sagt Claire "nicht aber bei uns. Im Gegenteil; vor einigen Wochen haben die Israelis rund um unser Haus Videokameras installiert. Nun sind wir unter ständiger Beobachtung und können nicht einmal mehr in der Wohnung ungestört sein."

Blick aus dem Wohnzimmer auf die Mauer

Blick aus dem Wohnzimmer auf die Mauer

Nach zwei Stunden und reichlicher Bewirtung mit arabischem Kaffee und Gebäck, verabschiede ich mich von der Familie. Ich bedanke mich für die Einladung und das offene Gespräch und Claire sich ihrerseits dafür, dass ich mir ihre Geschichte angehört habe.

"Niemand soll so etwas ertragen müssen. Manchmal haben wir den Eindruck von aller Welt, vor allem von den Christen ausserhalb, vergessen zu sein. Unsere Hoffnung setzen wir auf Gott. Er hat uns schon oft in aussichtlosen Situationen weiter geholfen", sagt sie noch zum Abschied.

Kurz bevor das Haus hinter der Mauer verschwindet, drehe ich mich nochmals um und winke zurück: zu Claire und ihrem Haus mit den sieben Mauern.

 


4. Brief aus Bethlehem, 04.10.2009:

Arabische Christen in Palästina

"Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden. "
                                                                                                 Apg 2,8-11

Mancher mag überrascht sein, wenn er von der Existenz arabischer Christen in Palästina hört. Sind die Araber nicht alle Moslems, wie die Israelis alle Juden sind? In Wirklichkeit hat sich die kulturelle und ethnische Vielfalt des Volkes Gottes im Heiligen Land bis auf den heutigen Tag erhalten.

Die palästinensischen Christen sind ein kleiner Teil davon, die sich in 13 verschiedene Kirchen aufteilen. Diese kann man wiederum in drei große Gruppen einteilen.

Da sind zum einen die verschiedenen orthodoxen Kirchen (griechisch, armenisch, koptisch, u.a.). Daneben gibt es die katholischen Kirchen (römisch, melkitisch, syrisch, u.a.) und schließlich noch die protestantischen Kirchen (anglikanisch, lutherisch, freikirchlich). Insgesamt leben im Heiligen Land etwa 200.000 arabische Christen.

Taufe in einer orthodoxen Kirche

Taufe in einer orthodoxen Kirche

Sie verstehen sich in erster Linie als Teil der arabischen Welt, die ihre Abstammung auf Ismael, den Erstgeborenen Sohn Abrahams zurückführt. Schon vor dem Aufkommen des Islam waren einige arabische Stämme zum Christentum übergetreten. Mit der Ausbreitung des Islam bekamen diese Christen nun eine wichtige Brückenfunktion in der Vermittlung christlicher Gedanken und dem Islam.

Mit den moslemischen Arabern haben sie nicht nur die Sprache gemein (sie rufen z.B. Gott als "Allah" an), sondern ihre Kultur, die wechselvolle Geschichte und nicht zuletzt auch das Verwurzeltsein mit ihrem Land. So wird beispielsweise der Nationalheilige Palästinas, Georg der Drachentöter (arab. "Al Khader") sowohl von den Moslems, als auch von den Christen verehrt.

Hl.Georg/Al Khader, der Drachentöter

Hl.Georg/Al Khader, der Drachentöter

"Die christliche Literatur und theologische Schaffenskraft während der Abbasidenzeit (ca. 750-1050 n.Chr.) war äusserst umfangreich. Man sagt, nach dem lateinischen seien die meisten christlichen Werke auf arabisch geschrieben worden. Bis auf den heutigen Tag betonen die Christen im Heiligen Land das Arabischsein als festen Bestandteil ihrer geschichtlichen und kulturellen Identität" (Bethlehem Comunity Book, Ed.Arab Educational Institute, Bethlehem 1999).

In zweiter Linie sind sie Palästinenser, worunter man die Bewohner der Landschaft Palästinas versteht. Ein eigenes Nationalbewusstsein hat sich unter ihnen erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts zu entwickeln begonnen. Dies geschah zeitgleich mit dem damals weit verbreiteten Nationalismus, zu dem letztlich ja auch der Zionismus gehört. Der hat 1948 zur Gründung des eigenständigen Staates Israel auf palästinensischem Grund und Boden geführt. Ca. 750.000 Palästinenser, darunter etwa 50.000 Christen, haben dadurch ihre Heimat verloren und sind zu Flüchtlingen geworden. Für sie sind die Ereignisse dieser Zeit bis heute "Al Nakba (=die Katastrophe)".

Seitdem sind die arabischen Christen Teil des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Mit ihrer Heimat haben sie auch ein wesentliches Stück ihrer Identität verloren. Seit mehr als 40 Jahren leben sie nun bereits unter israelischer Besatzung - und sind Teil des Widerstandes dagegen.

Michael Sabbah, der 1987 als erster Palästinenser Lateinischer Patriarch und Erzbischof von Jerusalem wurde, schreibt dazu:

"Die Besatzung ist eine Ungerechtigkeit, die beendet werden muss. Deshalb ist Widerstand dagegen eine Pflicht, wie auch ein Recht. Als Christen rufen wir zu einem gewaltfreien Widerstand auf. In unseren Augen sind alle Menschen von gleicher Würde. Sie haben alle dieselben Rechte und Pflichten. Niemand darf -aus welchen Gründen auch immer- unterdrückt werden. Hier ist unser von Gott gewollter Ort, Jesus zu bezeugen. Dabei sind Juden und Moslems unsere Gesprächspartner." (Cornerstone 43/2007. Journal von "Sabeel", ökumenisches Zentrum der Befreiungstheologie in Jerusalem)

Heute ist dieses reiche, christliche Erbe in großer Gefahr, was die nachfolgenden Zahlen verdeutlichen mögen.

Im Jahr 1948 lebten in Jerusalem etwa 26.000 arabische Christen. Hochgerechnet mit der durchschnittlichen Geburtenrate müssten es heutzutage ca. 90.000 Christen sein. Tatsächlich aber sind es nur mehr ca. 7.500. Das bedeutet einen Rückgang um rund 90%.

Die heiligen Stätten des Christentums drohen zu einem Museum zu werden. Der Anteil der Christen unter den auswanderungswilligen Palästinensern ist auffallend hoch. Sie sind im Durchschnitt besser ausgebildet als ihre muslimischen Mitbürger und leiden deshalb besonders unter der politischen und wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit ihrer Heimat.

Christlicher Türstock in Beit Jala

Christlicher Türstock in Beit Jala

Aber nicht nur zur Aufrechterhaltung der langen Tradition ist der Fortbestand der christlichen Gemeinden im Heiligen Land wichtig. Salim Munayer, Dozent am Bethlehem Bible College, nennt noch andere Gründe.

Die arabischen Christen sorgen für die Bodenhaftung unseres christlichen Glaubens. Sie lehren uns, dass Bethlehem ein realer Ort auf dieser Erde ist. Ein Ort der Unterdrückung und des Leids. Damals wie heute. Auf dieser Erde wurde Jesus geboren; hier wurde er selbst zum Flüchtling. In diesem Land lebte und lehrte er; hier starb er schließlich auch. Die Christen vor Ort sind Garanten dieser Einsicht und verhindern, dass diese Orte, wie auch unser Glaube selbst zu einem bloßen Museum werden.

Die palästinensischen Christen bilden seit Jahrhunderten eine Brücke zwischen Ost und West, zwischen dem Abend- und dem Morgenland, zwischen Juden, Christen und Moslems. Als eine Minderheit stellen sie heute der Mehrheit von Juden und Moslems die Frage nach Frieden und Gerechtigkeit. Erstmals sind Juden in der Situation eine Mehrheit gegenüber den Christen zu bilden. Auch die Art, wie Moslems diese Christen behandeln, ihr Verhältnis zu einander, kann ein Beispiel sein für das Verhältnis von Moslems und Christen in Europa und Amerika. Die Christen hier vor Ort sind es letztlich auch, die es verhindern, dass aus dem ungelösten politischen Nahostkonflikt eine Auseinandersetzung der Religionen Juden - Moslems wird.

Und schließlich erinnern sie uns an die Botschaft vom Kreuz, da sie nicht über eigene Macht verfügen. Das Kreuz erinnert an die eigene Verwundbarkeit und die geforderte Solidarität mit den Schwachen. Es ruft nicht zuletzt zur Versöhnung mit unseren Gegnern auf. ("Die Einzigartigkeit palästinensischer Christen" Dr. Salim Munayer in: "Bethlehem speaks"; Ed.Garth Hewitt, London 2008)

Es ist diese befreiende Kraft unseres Glaubens, die uns die palästinensischen Christen mit ihrer Existenz lehren. Wir sollten ihre Stimme hören und ihr auch in unseren Kirchen mehr Gehör verschaffen.

Vaterunser in arabischer Kalligraphie

Vaterunser in arabischer Kalligraphie