75 Jahre Dekanat Rosenheim, Teil 2

   
 

Caroline von Baden

 

Um 1800 verschlägt es einen evangelischen Feldprediger nach Oberbayern. Er schreibt: Nicht wenige glauben hier, "die Protestanten seien anders gestaltet", seien dann aber überrascht, "dass sie am äußeren keine abweichenden Körperformen" besitzen.

Wie war im Jahr 1800 noch solch eine Unkenntnis möglich?

Das Kurfürstentum Bayern hatte sich seit der Reformation erfolgreich abgeschottet gegen jede andere Konfession als die römisch-katholische. Bewohner Bayerns konnte nur sein, wer auch römisch-katholisch war.

Um 1800 änderte sich dies. Unter dem Einfluss Napoleons gewann das ursprünglich kleine Kurfürstentum Bayern große Territorien hinzu, v.a. in Franken. Und hier war die Bevölkerung evangelisch. Die Religionspolitik des neuen bayerischen Staates öffnete sich jetzt auch für die Protestanten.

Dazu passte es gut, dass der bayerische Kurfürst und spätere König Maximilian eine evangelische Frau geheiratet hatte: Caroline von Baden. Sie durfte ihren Glauben auch in München ausüben und sogar ihren eigenen evangelischen Geistlichen mitbringen.

1802 schließlich kamen auf Einladung Maximilians 20 Pfälzer Familien - Katholiken, Lutheraner, Reformierte -, um das Moor vor den Toren Rosenheims zu kultivieren. Die Siedlung, die hier entstand, nannten die Kolonisten nach ihrer Landesherrin: Großkarolinenfeld.

Der erste evangelische Pfarrer Elias Merkle, der die oberbayerischen Evangelischen betreuen sollte, machte zunächst eine interessante Erfahrung: Vor seinem Aiblinger Haus versammelte sich eine große Menge, die sehen wollte, "ob ein protestantischer Pfarrer auch ein menschlich Antlitz habe."

Das Verhältnis der drei Konfessionen war anfangs oft nicht leicht. Vor allem zwischen Lutheranern und Reformierten kam es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen.

1822 schließlich wurde die evangelische Kirche in "Großkaro" eingeweiht, übrigens knapp 30 Jahre vor der katholischen. Es war die erste evangelische Kirche in Oberbayern. Ihre nüchterne Ausstattung erinnert bis heute an die Zeit, als Reformierte und Lutheraner hier gemeinsam Gottesdienst feierten. Die erste Orgel stiftete der König; es war die ehemalige Orgel des Klosters Tegernsee.

Hatte Großkarolinenfeld seit 1804 einen eigenen Pfarrer, so wurde die rasch anwachsende Zahl der Evangelischen in Oberbayern bald durch sog. "Reiseprediger" versorgt, die von München kamen, um mit den verstreuten Protestanten Gottesdienst zu feiern.

1860 erwähnt Reiseprediger Adolf Elsperger die Station Wasserburg. Dort halte er zweimal im Jahr Gottesdienst im dortigen Rathaussaal. Notfalls müsse er allerdings das Klavier selbst spielen. 1877 leben dort laut Reiseprediger Max Hirz 75 Evangelische.

Bald schon fiel den Reisepredigern Rosenheim auf. Die Stadt hatte durch den Bau der Eisenbahn 1857 einen großen Aufschwung genommen. Die anfangs noch kleine evangelische Gemeinde ist jedoch sehr engagiert und trifft sich zum Gottesdienst in der Wohnung des Schneidermeisters Klepper. 1876 schreibt Reiseprediger Max Hirz: "Rosenheim könnte allem Anschein nach eine blühende, überaus günstig gelegene evangelische Gemeinde, ein Bollwerk der Evangelischen Diaspora für Oberbayern werden." Etwa 600 Evangelische leben hier. Zum Gottesdienst drängen sie sich in einem kleinen Saal im Rathaus, "so daß die Gemeindeglieder zum Theil vor den Thüren stehen, während im Innern die Temperatur bald eine geradezu graisliche" ist. Der Bau einer eigenen Kirche wird dringend erforderlich und von den Rosenheimern auch mit vollem Einsatz betrieben. Der angesehene Leipziger Architekt und spätere Straßburger Dombaumeister August Hartel entwarf die Pläne für eine evangelische Kirche in Rosenheim, die 1886 eingeweiht wurde und seit 1961 den Namen "Erlöserkirche" trägt.

Die Zahl der Evangelischen im Dekanat wächst weiter, und es werden evangelische Vereine gegründet. So z.B. auch in Bad Aibling, das damals noch von Rosenheim aus versorgt wurde. 1904 wurde auch hier eine Kirche eingeweiht, damals noch gleichsam auf der grünen Wiese. Die Kirche war ein weiteres Symbol dafür, dass der evangelische Glaube in Oberbayern dauerhaft Fuß gefasst hatte.

Dekan Michael Grabow

   
 

Kirche in Großkarolinenfeld

 
   
 

Kirche in Großkarolinenfeld

 
   
 

Kirche in Rosenheim

 
   
 

Kirche in Bad Aibling