75 Jahre Dekanat Rosenheim

Das Dekanat Rosenheim im Nationalsozialismus

29. Januar 1933: In der Rosenheimer Erlöserkirche wird Dekan Franz Schmid in sein neues Amt als Rosenheimer Dekan eingeführt. Einen Tag später wird Adolf Hitler in Berlin zum Reichskanzler ernannt. Das neue Amt wird Schmid vor schwierige Aufgaben stellen.

Die "Deutschen Christen", die den Protestantismus mit dem Nationalsozialismus verschmelzen wollen, wittern 1933 ihre Stunde, auch im Dekanat Rosenheim. Vor allem der Mühldorfer Pfarrer Hans Gollwitzer, ein überzeugter Nationalsozialist, betreibt jetzt massiv Propaganda für die "Deutschen Christen". Trotz verschiedener Gründungen von Ortsgruppen spielen die "Deutschen Christen" aber keine große Rolle im Dekanat. Die Wahlen zum Kirchenvorstand im Juli 1933 bringen in zahlreichen Gemeinden Nationalsozialisten in den Kirchenvorstand. In Rosenheim ist dies u.a. Dr. Erich Holper, SAMann, NSDAP-Mitglied, Bürgermeister und Mitglied des nationalsozialistischen Stadtrates - ein wichtiger und einflussreicher Mann.

Bald schon zeigt sich, dass die "Gleichschaltungspolitik" des neuen Regimes auch vor der Kirche nicht haltmacht. 1934 soll auch die bayerische Landeskirche in die neu geschaffene "Reichskirche" eingegliedert werden. Landesbischof Hans Meiser wird für abgesetzt erklärt. Als "geistlicher Kommissar" für Altbayern wird ein Pfarrer des Dekanats Rosenheim ernannt: Hans Gollwitzer aus Mühldorf. Doch der "Gleichschaltungsversuch" scheitert am Widerstand nicht zuletzt der Gemeindeglieder. Mit Unterschriftslisten setzen sie sich für Bischof Meiser ein. Auch im Dekanat Rosenheim unterschreiben zahlreiche Menschen folgende Erklärung:

"Wir wollen unserm deutschen Volk und seinem Führer mit allen Gaben des Evangeliums dienen. Darum bekennen wir uns zu unserm Landesbischof, dem unerschrockenen Bekenner des reinen Evangeliums, und fordern, D. Meiser soll in ganz Bayern unser Bischof sein und bleiben und muß sofort wieder die Freiheit für die ungehinderte Führung seines Amtes erhalten."

Diese Zeilen spiegeln die widersprüchliche Haltung der Kirche, auch der "Bekennenden Kirche", zum "Dritten Reich" wider: Einerseits will man loyal sein gegenüber dem Staat und Adolf Hitler, andererseits lehnt man die "Gleichschaltungspolitik" der NS-Kirchenpolitik ab.

Diese Loyalität gegenüber dem nationalsozialistischen Staat führt schließlich zum Schweigen der Kirche und auch des Dekanats Rosenheim angesichts der Verbrechen der NS-Diktatur. Bis auf den Miesbacher Pfarrer Rudolf Neunhoeffer leisten 1938 alle Pfarrer des Dekanats den Eid auf den "Führer". Neunhoeffer war bereits 1935 für einige Tage in "Schutzhaft" genommen worden. Dabei war er kein Gegner des Nationalsozialismus. Im Gegenteil: Der Nationalsozialismus sei eine gute Sache; lediglich die übergriffe auf die Kirche müsse er anprangern - schreibt er noch während seiner Haft.

Zur zunehmenden Entrechtung, Verfolgung, Deportation und schließlich Ermordung der jüdischen Bevölkerung auf dem Gebiet des Dekanats Rosenheim finden sich keinerlei Hinweise oder Reaktionen. Die Pogromnacht vom November 1938, die auch in Rosenheim stattfand, findet weder in Kirchenvorstandsprotokollen noch sonstigen Dokumenten des Dekanats ein Echo. Hier schwieg das Dekanat Rosenheim, wie die evangelische Kirche überhaupt in ihrer überwiegenden Mehrheit.

Der 2. Weltkrieg stellt die Kirchengemeinden im Dekanat vor große Herausforderungen: Zahlreiche Pfarrer waren eingezogen; Umsiedler u.a. aus Bessarabien und evakuierte Kinder aus den vom Luftkrieg bedrohten Großstädten mussten betreut werden. Die Zahl der gefallenen Gemeindeglieder nahm ungekannte Ausmaße an. 1945 schließlich kommt der Zusammenbruch.

Am 6. Mai 1945 - es ist der Sonntag Rogate - predigt Pfarrer Ottmar Dimmling aus Großkarolinenfeld über Offenbarung 14, 6-20: "Liebe Gemeinde, lasst uns doch endlich einmal Buße tun. Wir alle sind nicht frei von Schuld. Weil wir unser Leben mehr lieben als die Wahrheit, darum haben wir zu vielem geschwiegen, wozu wir hätten reden sollen, und wir haben bei manchem mitgeredet, wo wir hätten schweigen müssen."

Dr. Bernhard Liess