75 Jahre Dekanat Rosenheim

Im Jahr 2008 feierte unser Dekanat Rosenheim sein 75. Jubiläum. Deshalb berichten wir in dieser und den kommenden Ausgaben unseres Gemeindebriefes über die Geschichte der Evangelischen hier bei uns von der Reformation bis heute. Hier der erste Teil:

"Die Rosenheimer - durchaus in ihrer Religion vergifft!"

Reformation und evangelischer Glaube im Rosenheimer Land

"Pfleger, Richter, Gerichts- und Marktschreiber und die Fürnembsten des ganzen Rats send all sektisch" - so schrieb der Visitator im Jahr 1563 über die Rosenheimer an den Religionsrat des Herzogs Albrecht in München. Und er kam zum Ergebnis, dass von den rund 1.500 Bürgern des Marktes Rosenheim gerade noch 100 als wirklich katholisch anzusprechen seien.

Kloster Ramsau

Hohenaschau

Was war geschehen?

Bereits ab 1520 lassen sich nicht nur in Rosenheim, sondern auch in Wasserburg, Aibling, Oberaudorf, Irschenberg, im Chiemgau, sogar im Kloster Ramsau bei Haag erste reformatorische Einflüsse feststellen. Der Ramsauer Prior Martin Glaser zum Beispiel war ein Freund Luthers und stellte ihm sein eigenes Pferd zur Verfügung, als Luther nach dem Religionsgespräch mit Kardinal Kajetan im Oktober 1518 aus Augsburg fliehen musste.

Reformatorische Einflüsse kamen auch früh über verschiedene Wege ins Inntal und in den Chiemgau: fahrende Buchhändler boten Flugblätter und Schriften der Reformatoren an. Es wird berichtet, dass sich in Au bei Aibling mehrere Bauern gemeinsam eine Zürcher reformierte Bibel kauften, die für einen allein wohl zu teuer gewesen wäre.

Wanderhandwerker, Säumer, Studenten und Kaufleute waren mit reformatorischem Gedankengut in Berührung gekommen und verbreiteten als "wandelnde Zeitungen" die Lehre Luthers in den Märkten und Städten. Und diese Botschaft verband sich mit der Sehnsucht vieler Menschen auch in Oberbayern nach einer Veränderung der Kirche.

Seit langem gab es bei vielen Menschen den Wunsch, die Messe auf Deutsch zu hören und sie so auch verstehen zu können, oder als Laien beim Abendmahl nicht nur die Hostie, sondern auch den Kelch zu empfangen.

Sicher muss man vorsichtig sein, diese sogenannte Laienkelchbewegung bereits mit der Reformation Luthers gleichzusetzen. Aber es gibt doch einige Hinweise, dass Luthers Botschaft bei nicht wenigen auf fruchtbaren Boden fiel. So wurde in Rosenheim und in Wasserburg der Messgesang "Salve Regina", ein Marienhymmnus, umgedichtet in das "Salve Rex Christe" und so die weit verbreitete Marien- und Heiligenverehrung durch die direkte Christusverehrung ersetzt - ein zentraler Gedanke der Reformation.

   
 

Pankraz von Freyberg

 
   
 

Ladislaus von Fraunberg

 

Die Religionsbehörde des bayerischen Herzogs griff schnell durch. 1526 wurden mehrere Wasserburger Priester der Ketzerei angeklagt, einer von ihnen enthauptet und die beiden anderen in ewige Kerkerhaft geworfen. Auch in den anderen Orten im ganzen Oberbayerischen wurde zwischen 1527 und 1531 immer wieder hart durchgegriffen. So wanderten manche aus, andere kehrten in den alten Glauben zurück und nicht wenige lebten ihren Glauben im Verborgenen.

So dauerte es nur rund 20 Jahre, da lebte die reformatorische Bewegung wieder auf. Wieder kam sie aus dem Bürgertum der Märkte und Städte. Diesmal aber wurde sie unterstützt von maßgeblichen und zum Teil einflussreichen Adligen: Die Herren von Aschau, Maxlrain und Haag bemühten sich gemeinsam mit Graf Joachim aus dem niederbayerischen Ortenburg, dem bayerischen Herzog Albrecht die evangelische Bewegung nahe zu bringen. Ihr Wortführer war Pankraz von Freyberg, Graf von Hohenaschau.

Allerdings fanden sich diese Adligen in der Minderheit und mussten, zum Teil bitter, für ihr Eintreten für die Lehre Luthers büßen. Nur in den unabhängigen Grafschaften Haag und in Ortenburg wurde die Reformation eingeführt, und viele Menschen nahmen weite Wege in Kauf, um in Haag evangelische Gottesdienste mitfeiern zu können. Graf Ladislaus von Haag starb allerdings kinderlos, und so fiel im Jahr 1566 sein Besitz an Herzog Albrecht von Wittelsbach, der Haag sehr schnell rekatholisierte. So blieb nur Ortenburg bei Passau bis heute evangelisch.

In vielen Orten im Rosenheimer Land wurden Priester angestellt, die die Messe auf Deutsch hielten, zum Teil auch aus lutherischer Tradition kamen. Herzog Albrecht, der diese Bewegung anfangs duldete, griff bald wieder hart durch.

So wurden die Rosenheimer Pfarrer Murpekh, Ameranger und Klinger nach kurzer Zeit entfernt, versetzt oder des Landes verwiesen. Wolfgang Murpekh wurde Pfarrer im württembergischen Hermaringen, wo er hoch geachtet 1582 verstarb.

Im Herzogtum Bayern aber war die evangelische Bewegung um 1570 am Ende.

Michael Grabow

über den Wiederbeginn evangelischen Lebens im Bereich des Dekanats Rosenheim ab 1801 wird in Teil 2 berichtet.